Cookiefreies Tracking – Dein Sale, mein Sale?

Aufgrund meiner Recherchen über inkorrekte Premiumvergütungen haben mich einige Affiliates kontaktiert und auf interessante Betrugsmöglichkeiten durch Affiliate-Agenturen und auch interne Mitarbeiter von Merchants aufmerksam gemacht – einer davon bin ich mal nachgegangen:

Wichtig vorab: Ich kenne keinen konkreten Fall, bei dem eine der im Folgenden geschilderten Möglichkeiten angewandt und nachgewiesen wurde – aber ich habe das ganze mal recherchiert (vielen Dank an dieser Stelle für die konstruktiven Gespräche an die diversen Affiliate Agenturen sowie Thomas Becker von Affilinet) und bin ehrlich ziemlich erstaunt, wie leicht es wäre, tatsächlich zu betrügen. Und die Tatsache, dass bisher nichts nachgewiesen wurde, heisst leider auch NICHT, dass das so nicht von schwarzen Schafen der Branche praktiziert wird – zumal ein konkreter Nachweis leider für die Mehrheit der Publisher auch nahezu unmöglich ist. Daher dient der Artikel im wesentlichen der Sensibilisierung der Merchants (und der Publisher), die auch ein paar Tipps erhalten, wie man diesen Betrug erkennen bzw. vermeiden könnte.

Konkret geht es darum, dass Sales nicht dem Publisher zugeschreiben werden, der den Sale eigentlich generiert hat, sondern eben einem anderen Publisher zugebucht werden. Dabei wird die Publisher ID in dem Prozess zwischen Sale und Freigabe, an dem in der Regel die Agenturen sowie interne Affiliate-Manager beteiligt sind, verändert.

Wie kann die Publisher ID geändert werden?

Grundsätzlich schliessen Netzwerke beim Tracking via der Standard-Einstellung der Netzwerke eine Änderung der Publisher-ID aus – eine einmal einem Publisher zugeordenete Order-ID kann nachträglich nicht mehr einer anderen Publisher ID zugeordnet werden. Aber leider funktioniert das nur in der Theorie, sofern der Merchant bzw. die Agentur ausschließlich die vom Netzwerk angebotene Trackinglösung einsetzt. In der Praxis haben jedoch gerade die großen Agenturen aus diversen Gründen eine eigene Tracking-Lösung – und bei diesem so genannten „cookiefreien Tracking“ liegt leider die ganze Macht bei den Agenturen bzw. den Merchants und man kann anscheinend sehr leicht einen Sale einer anderen Publisher-ID zuordnen, ohne dass der Publisher den Sale jemals in seinem Account gesehen hat. Zum einen können manuell einzelne Sales auf andere Publisher-IDs umgelegt werden, zum anderen theoretisch sogar automatisch beispielsweise jeder 10. Sale einem anderen (eigenen) Account zugeordnet werden.

Aber auch bei einem „regulären Tracking“ (das heisst ohne das cookiefreiem Tracking) via den Netzwerken kann man einfach die Vergütung für einen Sale auf eine andere Publisher-ID umlegen – hierzu muss man einfach einen Fake-Sale generieren, der dann freigegeben wird – im Gegenzug würde man einen regulären Sale eines anderen Publishers einfach stornieren, damit die Gesamtsumme gleich bleibt. Besonders einfach geht das bei Programmen, die Standardprovisionen (z.B. 30 Euro/Sale) anbieten. Da aber nach meiner Beratererfahrung auch die Gesamtsumme (d.h. Auszahlungen) von Merchants nur selten wirklich kontrolliert wird, könnte man in diesem Zuge bei Programmen mit variabler Vergütung auch gleich mal den Warenkorb etwas vergrößern. Auch das würde wohl – wenn es sich nicht um unrealistische Werte handelt – nicht auffallen und ist sowohl beim cookiefreien Tracking als auch dem Standard-Tracking via Netzwerke sehr einfach durchzuführen.

Transparenz durch Cashback-Portale?

Bei der Kontrolle der richtigen Zuordnung von Sales haben die Cashback-Portale ihr Gutes – da bei Cashback-Portalen ein Sale direkt einem dem Publisher „bekannten Kunden“ gutgeschrieben wird und sich der Kunde in der Regel beschwert, wenn sein Sale nicht registriert wird, ist das Feedback dieser Anbieter zu den Merchants sehr hilfreich. Allerdings beschwert sich ein Cashback Portal wohl zu allerest bei der Affiliate-Agentur bzw. dem Merchant und macht hier ggf. den Bock zum Gärtner. Daher als Tipp für Cashback-Betreiber, solche Unregelmäßigkeiten direkt dem Netzwerk melden!

Tipps für Merchants/Agenturen:

Ich habe noch einige Tipps zusammengestellt, wie Merchants eine Änderung der Tracking ID bzw. Vergrößerung des Warenkorbs vermeiden (leider nicht „verhindern“) können.

1. Weisen Sie die Mitarbeiter ausdrücklich (auch bereits im Arbeitsvertrag) darauf hin, dass eine Manipulation im Affiliate-Bereich kein Kavaliersdelikt, sondern Betrug ist und strafrechtliche Konsequenzen hat – zudem sollten alle Mitarbeiter für den Fall, dass sie bzw. Angehörige selbst als Publisher auftreten, alle Websites/Publisher IDs benennen und diese Liste regelmäßig aktualisieren.

2. Merchants sollten die größeren/größten Publisher kennen – in meinem Berateralltag habe ich schon in vielen Fällen gesehen, dass zwar Publisher-IDs bekannt waren, aber keine Information, welche Website bzw. welcher Publisher sich dahinter verbirgt. Lassen Sie sich in jedem Reporting Ihrer Agentur die entsprechenden Websites mit auflisten und idealerweise auch für jeden Publisher die Stornoquote sowie die durchschnittliche Basketgröße anzeigen.

Idealerweise sollten alle Websites von Merchant- und Agenturmitarbeitern gekennzeichnet sein. Schließlich sollten die Verantwortlichen wissen, wer sich noch ein kleines „Zubrot“ verdient 😉

3. Einführung des 4-Augen Prinzips auch auf Merchant-Seite – es sollte eine weitere Person (intern oder extern) zumindest sporadisch die Auszahlungen/Freigaben kontrollieren.

Über Feedback und Anregungen freue ich mich wie immer 🙂


admin

  • Affiliateidiot

    Also wenn die Agenturen schon jeden x-ten Sale automatisch auf einen anderen Account umlegen, würden sie wohl auch gleich die Cashback-Anbieter rausnehmen und bei denen diese Methode nicht anwenden. Das wäre wohl die einfachste Übung.

  • Stefan

    Danke Dir für den interessanten Beitrag. Verstehe ich es richtig, dass bei Einsatz einer solchen Trackingmethode die Sales gar nicht in dem Account erscheinen?

    Gibt es denn eine Übersicht der Agenturen, die unabhängig von dem Netzwerk-Tracking tracken.

    • admin

      @Stefan. Ja, wenn eine Agentur ein eigenes Tracking einsetzt, erscheint der Sale erst zeitverzögert in Deinem Publisher Account.

      Eine Liste der Agenturen, die das Tracking der Netzwerke nicht einsetzen, gibt es meines Wissens nach nicht. Aber soweit ich meine Interviewpartner verstanden habe, nutzen nahezu alle großen Agenturen das eigene Tracking, da es viele Handlingvorteile für die Agenturen hat.

  • Pingback: Andreas Hörr: Affiliate-Betrug durch Änderung der Publisher-ID » » Affiliate-Marketing-Blog()

  • Pingback: Was ist wirklich dran: Betrug durch Änderung der Publisher-ID | twoqubes.com()

  • Lothar

    Lohnt es sich denn bei all diesen Betrugs- und Manipulationsmöglichkeiten überhaupt, mit dem Affiliate-Marketing anzufangen. Ich habe schon viel recherchiert. Aber mehr und mehr kommen mir solche Artikel wie hier unter. Vielleicht doch lieber ein eigenes Produkt erstellen und verkaufen???

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